Anna Lena Diel

Anna Lena Diel

Autorin mit Blick in die Zukunft

Der Anfang eines Manuskripts

VOM SCHREIBEN: DER ANFANG EINES MANUSKRIPTS

 

Wenn man mich fragt, welchen Teil beim Schreiben eines Manuskripts ich am meisten liebe, muss ich nicht lange überlegen: den Anfang!⁠

Viele berichten, dass sie ein weißes Blatt mit Angst erfüllt. Bei mir ist es anders herum. Ein weißes Blatt schreit danach gefüllt zu werden.

Zuvor hatte ich etliche Stunden mit dem Plotten des neues Manuskripts verbracht, habe bis spät in die Nacht die Charakterbögen ausgearbeitet und meine Figuren so gut kennengelernt, als sei ich mit ihnen aufgewachsen. Abend für Abend lag ich im Bett und habe mir vorgestellt, wie die zuvor schemenhaft geplotteten Szenen zu leben erwachen. Ich verfolgte die Charaktere, hörte sie sprechen.

Wenn ich dann endlich ein leeres Dokument öffne und “Kaptel 1” auf die erste Seite schreibe, gleichen meine Hände einem Windhund, der von der Kette gelassen wird. Die Finger fliegen über die Tatstatur, Tausend Bilder und Eindrücke schwirren durch meinen Kopf.⁠ Die Welt um mich herum verschwimmt, der Zeiger der Uhr dreht sich im Kreis, ohne dass ich es mitbekomme. Ich bin gefangen in dieser neuen Welt, fasziniert von den Charakteren, begierig darauf mein Kopfkino in Worte zu bannen. Schwarze Buchstaben auf weißem Grund. Aus Fantasie wird Realität.

So lief es auch wieder bei meinem neuen Manuskript, dass derzeit unter dem Arbeitstitel “Neuroenhancer” läuft. Meine Finger flogen über die Tastatur, ein Wort folgte dem nächsten. Wie im Rausch schrieb ich sechs Tage lang, meinst noch bis spät in die Abendstunden. Und innerhalb dieser sechs Tage habe ich knapp 15.000 Wörter niedergeschrieben, was etwa 60 Normseiten entspricht.

Dann musste ich mich zurücklehnen, durchatmen und die Tatstatur für einige Tage schweifen lassen. Der Plot mag zwar bis zum großen Finale stehen, doch mein Kopfkino war nur bis zu diesem Punkt durchgedrungen. Es galt eine Pause zu machen, erneut mit leerem Blick ins Nichts zu starren und sich bildlich vorzustellen, wie die nächsten Szenen aussehen. Was die Charaktere fühlen, wenn sich ihnen ein Hindernis nach dem anderen in den Weg stellt. Oft formuliere ich im Geiste schon einzelne Sätze, oder ganze Passagen. Meist kommen die besten Ideen, wenn ich es am wenigsten erwarte: Wenn ich abends im Bett liege, kurz vorm Einschlafen. Ich wette, ich bin nicht der einzige Schreiberling, auf dessen Nachttisch stets Notizbuch und Stift bereitliegen.

Dann, nach drei oder vier Tagen, kann es weitergehen.

 

 

15.09.2019

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