Anna Lena Diel

Anna Lena Diel

Autorin mit Blick in die Zukunft

REZENSION: Der Gesang der Flusskrebse

REZENSION

Der Gesang der Flusskrebse von Delia Owens

 

Hanser blau Verlag | 13 Std. und 4 Min. | Sprecherin: Luise Helm | Erschienen am 22.07.2019

 

KLAPPENTEXT⁠
Chase Andrews stirbt, und die Bewohner der ruhigen Küstenstadt Barkley Cove sind sich einig: Schuld ist das Marschmädchen. Kya Clark lebt isoliert im Marschland mit seinen Salzwiesen und Sandbänken. Sie kennt jeden Stein und Seevogel, jede Muschel und Pflanze. Als zwei junge Männer auf die wilde Schöne aufmerksam werden, öffnet Kya sich einem neuen Leben – mit dramatischen Folgen. Delia Owens erzählt intensiv und atmosphärisch davon, dass wir für immer die Kinder bleiben, die wir einmal waren. Und den Geheimnissen und der Gewalt der Natur nichts entgegensetzen können.

 

MEINE MEINUNG
Der Klappentext dieses Buches berichtet von einem Mordfall und von einer jungen Frau, auf die zwei Männer aufmerksam werden. Dies ist jedoch viel zu kurz gegriffen. Dieses Buch erzählt vom Erwachsenwerden, es erzählt von Ablehnung und Verlust, von Einsamkeit, doch auch von Hoffnung und sensibler Zuneigung. Vor allem aber, ist es eine Liebeserklärung an die Marsch und das Meer.

Dieses Buch ist wie die Landschaft, in der Kya aufwächst: Auf den ersten Blick karg und schmucklos. Doch wenn man stehen bleibt, die Augen schließt und die salzige Luft tief einatmet, sich für seine Umgebung öffnet, entfaltet sie ihre volle Schönheit. Der Schreibstil der Autorin ist unvergleichlich. Selten habe ich ein so wunderbar geschriebenes Buch gelesen. Worte, zunächst unscheinbar wie kleine Tropfen, die sich zu Sätzen auftürmen, rauschend den Strand erklimmen, schließlich tosend brechen und den Leser mit sich reißen.

Das Buch spielt in zwei Zeitebenen: Zum einen in dem Jahr 1969 in dem Chase Andrews tot aufgefunden wird und die Ermittlungen beginnen. Spuren werden gesucht, Zeugenaussagen aufgenommen, Theorien entwickelt. Die andere Zeitebene beginnt im Jahr 1952. Die damals noch sechsjährige Kya hört die Fliegentür knallen und sieht ihre Mutter, die mit ihren künstlichen Krokolederschuhen und einem blauen Koffer in der Hand den Sandweg hinunterstöckelt. Mit diesem Moment beginnt Kyas Geschichte. Es ist eine traurige Geschichte, die dennoch mit so viel Schönheit gefüllt ist, wie ich sie selten erlebt habe. Man beobachtet, wie das Mädchen Kya heranwächst, fühlt mit ihr, hofft, bangt, weint und findet immer wieder Trost in der Weite der Marsch. 

Kya wächst heran, die Jahre vergehen. Schließlich treffen die beiden Zeitebenen aufeinander und gipfeln in dem Mordprozess um Chase Andrews. Hier verändert sich das Buch. An dieser Stelle hat mich die Autorin erneut beeindruckt. Wo vorher die Poesie der Natur vorherrschend war, begegnen wir nun der Kühle eines Gerichtssaals, die auch aus Grishams Feder hätte stammen können. Wir erleben die Zeugenaussagen und halten unwillkürlich den Atem an, als sich die Geschworenen schließlich zur Beratung zurückziehen.

Als Hörbuch hätte die Geschichte jedoch niemals ihre Wirkung entfalten können, wenn die Sprecherin Luise Helm nicht gewesen wäre. Sanft und mitfühlend gibt sie dem Schicksal um Kya eine Stimme, betont an den richtigen Stellen und hält sich doch stets so zurück, dass nicht die Sprecherin vorherrschend ist, sondern die Geschichte.

Mich hat dieses Buch ungemein beeindruckt! Von meiner Seite aus absolute Lese- und Hörempfehlung.

 

@ Foto: Anna-Lena Diel
Cover: Hanse blau Verlag

22.08.2019

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