Anna Lena Diel

Anna Lena Diel

Autorin mit Blick in die Zukunft

REZENSION: Lied der Krähen

REZENSION

Lied der Krähen von Leigh Bardugo

 

Knaur Verlag | 592 Seiten | Erschienen am 2. Oktober 2017 


KLA
PPENTEXT⁠
Ketterdam – pulsierende Hafenstadt, Handelsmetropole, Tummelplatz zwielichtiger Gestalten: Hier hat sich Kaz Brekker zur gerissenen und skrupellosen rechten Hand eines Bandenchefs hochgearbeitet. Als er eines Tages ein Jobangebot erhält, das ihm unermesslichen Reichtum bescheren würde, weiß Kaz zwei Dinge: Erstens wird dieses Geld den Tod seines Bruders rächen. Zweitens kann er den Job unmöglich allein erledigen …

Mit fünf Gefährten, die höchst unterschiedliche Motive antreiben, macht Kaz sich auf in den Norden, um einen gefährlichen Magier aus dem bestgesicherten Gefängnis der Welt zu befreien. Die sechs Krähen sind professionell, clever, und Kaz fühlt sich jeder Herausforderung gewachsen – außer in Gegenwart der schönen Inej …

 

MEINE MEINUNG
Manche Bücher entdeckt man etwas später. Das Lied der Krähen geisterte schon lange durch die Buchläden und durch diverse Buchblogs. Erst nachdem ich „Die Lügen des Locke Lamora“ gelesen habe, fühlte ich mich durch das ähnliche Setting (Fantasywelt und Gauner) von dem Lied der Krähen angesprochen.

Zuvor hat mich die Tatsache abgehalten, dass die Geschichte aus der Perspektive von sechs unterschiedlichen Protagonisten geschildert wird. Irgendwie konnte ich mir nicht so recht vorstellen, dass man allen auf nur sechshundert Seiten wirklich gerecht wird. Doch Leigh Bardugo hat mich eines Besseren belehrt!

Das Lied der Krähen ist in einer Fantasywelt angesiedelt, in der sowohl Kutschen und Segelschiffe, als auch Schusswaffen und sogar erste Motoren vorkommen. Ich würde grob in Richtung neunzehntes Jahrhundert deuten. Die Geschichte beginnt in Ketterdam: Einer Stadt, die an Amsterdam angelehnt ist. Ich mochte das Setting, mochte die Atmosphäre.

Schon im ersten Kapitel hat mich dieses Buch in den Bann gesogen und mich bis zur letzten Seite nicht mehr losgelassen. Die Geschichte ist gut konstruiert, die Charaktere sind überzeugend, Rückblenden geben ihnen Tiefe und beleuchten ihre Motivation. Die Protagonisten sind keine typischen Helden, jeder von ihnen hat Fehler und blickt auf Taten zurück, die er/sie bereut.

Der Spannungsbogen steigt stetig an, von Kapitel zu Kapitel wird der Einsatz erhöht, immer mehr Gefahren kommen hinzu. Durchhänger oder langatmige Passagen sucht man vergebens. Selbst die eingebauten Liebesgeschichten stehen dem eigentlichen Plot nicht im Wege, sondern geben der Geschichte genau das richtige Maß an Würze.

Ein paar kleine Kritikpunkte habe ich dennoch. Zum einen stört mich das Alter der Charaktere: Allesamt Teenager, die Ältesten sind siebzehn. Meiner Ansicht nach verhalten sich die Protagonisten zu reif für dieses Alter. Allerdings könnte man hier argumentieren, dass die einzelnen Schicksale dazu geführt haben, dass sie früh erwachsen werden mussten. Trotzdem … ich wäre glücklicher, wenn man jeden von ihnen mindestens fünf Jahre älter gemacht hätte.

Noch ein Wort zu den Schusswaffen: Wenn ich das neunzehnte Jahrhundert als Grundlage nehme, dann waren die Waffen nicht so treffsicher, wie hier im Buch geschildert. Zudem fand ich jenen Technologiesprung am Ende der Geschichte ein wenig zu aus der Luft gegriffen. Auch, dass der eine Charakter sogleich wusste, wie mit dem Fahrzeug umzugehen ist, ließ mich zweifelnd die Stirn runzeln.

Ja, ich bin ein alter Erbsenzähler, ich weiß. Aber trotz meiner Nörgeleien gebe ich diesem Buch guten Gewissens fünf von fünf Sternen

08.08.2019

@ Foto: Anna-Lena Diel
Cover: Knaur Verlag

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