Schreibtipp: Show, don´t tell

Show, don´t tell

       Zeigen, nicht erzählen.

Ein Schreibtipp, den jeder sicherlich schon tausendfach gehört hat, den man aber dennoch nicht oft genug wiederholen kann, weil er wirklich, wirklich zentral ist. Wenn du dir einen Schreibtipp ausdrucken und über den Monitor hängen möchtest, dann ist es dieser. Denn sobald man diesen einen Tipp befolgt, wird der Text sogleich um so vieles mitreißender.

Show don´t Tell.

Oder auf Deutsch: Zeigen, nicht erzählen.

Beim Schreiben geht es nicht darum, dem Leser etwas zu erklären. Es geht darum, die richtigen Worte zu finden, um das Kopfkino zu befeuern. Es geht darum, den Leser etwas fühlen zu lassen. Und das funktioniert nicht, indem wir ihm bloß Informationen an die Hand geben.
Unterschätzt dieses Werkzeug nicht! Denn etwas zu zeigen, statt es nur zu erzählen, in am Ende gar nicht so einfach, wie dieser wunderbar schlanke Satz und zunächst glauben lässt. Ich behaupte sogar, es kann eine ganze Zeit dauern, bis man dieses Prinzip wirklich verinnerlicht hat.
Zum einen liegt es daran, dass man lernen muss, richtig hinzuschauen. Ich meine, wirklich hinzuschauen. Zum anderen entdeckt man stetig neue Aspekte, wo man dieses Werkzeug anwenden kann. In diesem Post möchte ich euch ein paar Beispiele an die Hand geben, damit ihr versteht, worauf ich hinauswill.

Gefühle zeigen

Der einfachste Fall, um dieses Werkzeug anzuwenden, ist beim Zeigen von Gefühlen. Und ich will jetzt nicht darauf hinaus, dass eine Figur sein Innenleben auf äußerst dramatischerweise zur Schau stellen sollte. Nein, darum geht es ganz und gar nicht.

Margot wurde nervös.
Peter war wütend.
Seine Worte machten Tom traurig.
Annabell war fürchterlich müde.

So bitte nicht. Hier wird etwas erzählt.

Die einfachste Methode, um Gefühle darzustellen, ist auf die Körpersprache zurückzugreifen.

Erkläre nicht, was eine Figur fühlte, sondern zeige es anhand der Körpersprache.
Bild von Free-Photos auf Pixabay 

Margot wich seinem Blick aus und nestelte am Saum ihres Pullovers.
Peter ballte die Fäuste.
Tom seufzte schwer. Seine Schultern sackten herab.
Annabell gähnte.

Oder folgendes Beispiel – bei dem es sich übrigens um eine reale Spielsequenz meines Sohnes handelt 😉

Ich erläutere dies Mal anhand eines Beispieles, den mir mein Krümel gerade an die Hand gegeben hat, als er eben mit seinen Dinos spielte.

Der Acrocantosaurus schleicht sich an die Pflanzenfresser heran. Er ist hungrig.

Achtet auf den letzten Satz. Hier wird etwas erzählt.

Der Acrocantosaurus schleicht sich an die Pflanzenfresser heran und leckt sich die Lippen.

Hier wird etwas gezeigt!

Ein kleiner Nebeneffekt ist zudem, dass der Leser nun gezwungen ist, selbst zu interpretieren. Dadurch bleibt er wach und nahe am Text. Wenn du ihm stattdessen alles gleich an die Hand gibst, läufst du Gefahr, dass er sich langweilt. Und das Schöne an der Körpersprache ist, dass man hier auch ein wenig spielen kann. Gerade bei Krimis kann es hilfreich sein, zweideutig zu bleiben. Und hierzu lädt das Zurückgreifen auf die Körpersprache geradezu ein.

Übrigens: Aus diesem Grund schaue ich immer wieder in Bücher zur Körpersprache hinein. Für fortgeschrittene kann ich die Bücher von Jack Nasher empfehlen. In denen geht es darum, Lügen zu erkennen – sehr nützlich für uns Autoren! Ich selber habe »Durchschaut« und »Entlarvt« in meinem Regal stehen – und zwar gleich neben meinen Schreibratgebern.

Figuren Charakterisieren

Gehen wir einen Schritt weiter. Jetzt wird es schon ein bisschen anspruchsvoller. Hier muss man nicht nur ein Gefühl in eine Handlung übersetzen, sondern gleich einen ganzen Wesenszug. Puh, gar nicht so einfach. Denn hierfür reicht es nicht mehr, einfach nur auf die Körpersprache zurückzugreifen. Die brauchen wir natürlich auch, aber darüber hinaus müssen wir uns mit einem konkreten Beispiel behelfen.

Thomas war ein aggressiver Mann, der immerzu darauf bedacht war, seine Dominanz zu zeigen.

Befeuern diese Worte dein Kopfkino? Fehlanzeige. Du siehst gar nichts. Aber wie will man einen solchen Charakterzug zeigen? Nun, hier kommt es vor allem darauf an, ein konkretes Beispiel zu finden.

Wenn Thomas jemanden kennenlernte, reckte er immer sein Kinn vor. Sein Händedruck war fest, oft sogar zu fest. War sein Gegenüber größer als er selbst, achtete er auf eine aufrechte Haltung oder stellte sich sogar leicht auf die Zehenspitzen.

Stell dir eine Kinoleinwand vor.
Bild von Bruno /Germany auf Pixabay 

Vielleicht hilft es, wenn man sich beim Schreiben vorstellt, tatsächlich nur über eine Kinoleinwand zu verfügen, um seinem Leser eine bestimmte Information zu vermitteln. Hier stellen sich die Charaktere auch nicht hin und erklären sich und ihre Handlungen. Schauspieler und Regisseur müssen Wege finden, diese Information auf anderem Wege zu vermitteln.

Handlungen

Was?, wird sich nun so mancher fragen. Bei Handlungen wird doch nichts erzählt, es ist ein Naturgesetzt, dass man hier etwas zeigt.
Nun, ganz so einfach ist es nicht. Auch bei Handlungen läuft man Gefahr, ins erzählen zu verfallen. Aber ich gebe zu, hier muss man schon ein wenig genauer hinschauen, um die Unterschiede zu erkennen. Lasst es mich anhand eines Beispiels erklären.

Sie ging in den Garten, um sich kurz auszuruhen.

Nutze sämtliche Sinne.
Bild von MarionF auf Pixabay 

Hier wird bloß etwas mitgeteilt. Den Gang in nach draußen kann man sich zwar noch vorstellen, was danach passiert verliert sich hingegen im Nebel.

Sie ging in den Garten, legte sich der Länge nach auf den Rasen und schloss die Augen.

Schon besser. Wir haben konkrete Handlungen, die das Kopfkino des Lesers befeuern. Nun könnten wir dem Bild noch eine weitere Dimension hinzufügen. Denn im Gegensatz zu Regisseuren und Schauspieler, können wir als Autoren mehr Sinne ansprechen, als allein den Sehsinn. Ich beobachte immer wieder, dass Autoren das mit der Kinoleinwand zu wörtlich nehmen und sich daher allein auf das Beschränken, was das Auge sieht. Welch eine Verschwendung! Dabei können wir dem Leser noch so viel mehr mitgeben, nämlich was die Charaktere hören (zugegeben, das geht auf der Kinoleinwand auch), was sie riechen, schmecken und vor allem mit ihren Fingerspitzen ertasten.

Gerade der Geruchsinn wird sträflich vernachlässigt. Dabei ist keiner unserer Sinne so stark mit Erinnerungen verknüpft. Und über die Erinnerungen unserer Leser kommen wir an ihre Emotionen. Und das ist ja der Sinn des Lesens von Romanen: Der Leser möchte etwas fühlen.

Sie ging in den Garten, legte sich der Länge nach auf den Rasen und schloss die Augen. Sogleich spürte sie die wärmenden Sonnenstrahlen auf ihrer Haut. Ein kühler Wind strich vorbei und trug das entfernte Brummen eines Rasenmähers und den Geruch frisch gemähten Grases heran.

Die bedeutet natürlich nicht, dass du jede Handlung bis ins letzte Detail beschreiben sollst. Natürlich muss man abwägen, vor allem, inwieweit die Handlung zum Fortschreiten der Geschichte beiträgt. Meist reicht es schon aus, ein oder zwei konkrete Angaben zu machen, um ein Bild im Kopf des Lesers entstehen zu lassen, man muss keinen ganzen Absatz damit füllen.

Ich denke, mit den folgenden Punkten habe ich dieses Werkzeug ein wenig erläutern können. Du siehst, dass dieses Werkzeug nicht ganz so trivial ist, wie es einem im ersten Moment erscheint. Es ist eine Kunst für sich aber es lohnt, sich darin zu üben. Denn ich verspreche dir: Sobald du dieses Werkzeug anwendest, wird dein Text unweigerlich besser.