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Encanto als Spiegel unserer Leistungsgesellschaft?

Achtung! Beinhaltet Spoiler zum Film »Encanto«

»Nur kein Wort über Bruno, no, no, no.« Dieser Song lebt derzeit mietfrei in vielen Köpfen.  Ein echter Ohrwurm, wie Disney ihn uns seit der Eiskönigin nicht mehr beschert hat. Ein tolles Lied, ohne Frage und auch der dazugehörige Film ist mitreißend, was zweifelsohne an der Musik, der beeindruckenden Animation und den grandiosen Figuren liegt. Aber da ist noch mehr. Es ist die Metaebene. Sie berührt ein aktuelles Problem unserer Gesellschaft

Es geht um Leistungsdruck. Jeder in der Familie Madrigal hat eine magische Gabe erhalten, die er zum Wohle aller einsetzt. Und jedes Familienmitglied versucht, diese Erwartungen zu erfüllen. Es gehört zu ihrem Selbstverständnis. Über allem wacht die Großmutter, Abuela. Sie ist das Familienoberhaupt.

Die mit übermenschlicher Kraft gesegnete Luisa ist nur am Schuften und Rennen, wird selbst für die kleinsten Aufgaben herbeigerufen. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sie bei ihrem ersten Auftritt nicht nur rennend dargestellt wird – sondern auch auf einer Art Laufband rennt – sie läuft, ohne von der Stelle zu kommen. Ein sehr passendes Bild für diese Figur, denn ein Innehalten oder gar Entspannen gibt es für Luisa nicht, immer ist da jemand, der etwas von ihr will, wie mal eben das Klavier zu holen, die Esel einzufangen, das Haus zu verschieben oder mal schnell den Fluss umzuleiten. Und Luisa kennt nur eine Antwort: »Na klar, mache ich.«

Ihre Verzweiflung bringt sie schließlich in einem Lied zum Ausdruck. Hier ein Auszug:

Könnt’ ich mich von dem ganzen Druck vielleicht mal befreien
Und es genießen, einfach nur fliegen
Mich nicht verbiegen, den Druck besiegen
Sei stärker, sei härter
Wir kennen nur den

Druck, der mal tippt, tippt, tippt, und es hört nicht auf, woah
Druck, und ich flipp’, flipp’, flipp’ irgendwann noch aus, woah

Später befasst sich der Film mit der anderen Schwester, mit Isabella. Dank ihrer Gabe kann sie Pflanzen wachsen lassen. Die beiden Schwestern könnten unterschiedlicher nicht sein: Während Luisa groß und muskulös ist, ist Isabella schlank und elegant. Und doch wirkt Isabellas Lied wie eine Antwort auf den Song ihrer Schwester. Auch sie fühlt sich durch die Erwartungen ihrer Abuela unter Druck gesetzt und versucht, ständig perfekt zu sein. 

Allein wie ihr Lied beginnt, ist toll: Isabella, die vorher mit ihrer Gabe nur rosa Rosen erschaffen hat, ist so wütend, dass sie plötzlich statt Blumen einen Kaktus wachsen lässt. Und dann steht sie da, starrt verblüfft auf dieses Gewächs, bis sie sich herabbeugt und es voller Neugierde und Bewunderung aufhebt. Dazu singt sie:

Das hätt ich von mir nicht erwartet
Spitz und scharf, was kommt nun?
Es ist nicht perfekt oder symmetrisch
Aber wunderschön und von mir
Was kann ich noch tun?

Während des Liedes befreit sie sich von dem Zwang, immerzu makellos zu sein, was schließlich in der Erkenntnis gipfelt: Es muss nicht perfekt sein, es darf einfach nur sein. Und erst, als sie ihre Perfektionsansprüche ablegt, kann sie endlich über sich selbst hinauswachsen.

Wenn man die beiden Figuren so betrachtet, erkennt man, dass ihre Gaben nicht willkürlich ausgewählt wurden: Luisa ist übermenschlich stark, dennoch kann sie dem Druck kaum noch standhalten. Es wird so schlimm für sie, dass sie kurz davor ist, ihre Gabe zu verlieren. Isabella kann hingegen Pflanzen wachsen lassen und erst als sie sich von dem Druck befreit, gelingt es ihr, über sich hinauszuwachsen.

Ich denke, gerade diese Botschaft spricht viele von uns an. Leistungsdruck ist ein Begriff, den man in der letzten Zeit immer wieder hört. Er beginnt dort, wo wir darüber klagen, dass wir uns mehr Zeit wünschen. Nein, wir wünschen uns keine zusätzliche Zeit, vielmehr wünschen wir uns, endlich mit allen Aufgaben fertig zu werden, sodass wir entspannen können. Aber entspannen können wir uns erst, wenn sich das Gefühl einstellt, etwas erreicht zu haben. Die meisten von uns können nicht mehr einfach nur existieren – sie müssen ihre Existenz durch Erfolg, oder zumindest durch viel Arbeit rechtfertigen. Die protestantische Arbeitsethik lässt grüßen.  Wir versuchen, perfekt zu sein und sind daher nur am Rennen, ohne jemals ans Ziel zu gelangen.

Und genau diese Gefühlslage berührt »Encanto«. Jeder von uns hat eine Abuela im Kopf, die mit strengem Blick unsere Leistungen bewertet – und für die wir niemals gut genug sein können. Und genau wie Luisa spüren wir den ständig auf uns lastenden Druck, von dem wir uns einfach nicht befreien können. Unser sehnlichster Wunsch ist es, Isabellas befreiende Erkenntnis zu erlangen.

 

Zurück zu Bruno, dem armen Kerl. Auch er leidet unter dem ständigen Zwang, Nutzen für seine Familie zu bringen. Seine Gabe besteht darin, in die Zukunft zu blicken. Er kann sie nur sehen, aber nicht beeinflussen. Trotzdem waren alle überzeugt, dass Bruno böse Ereignisse heraufbeschwört. Bruno bringt der Familie also keinen Nutzen, er schadet ihr bloß. Und wer keinen Nutzen bringt, der ist es nicht wert, in der Familie zu bleiben. Während die Familie von Bruno berichtet, wird ihm sogar das Limettengrün verpasst – eine Farbe, die ihn Disneyfilmen den  Antagonisten vorbehalten ist.

Ähnlich wie Bruno ergeht es Mirabel, der Protagonistin. Da sie keine Gabe besitzt, ist sie es noch nicht einmal wert, mit auf das Familienfoto zu kommen.

Wir sehen uns sowohl in Luisa, als auch in Mirabel. Und obwohl uns Isabella zuerst unsympathisch ist, sehen wir uns nach ihrer Offenbarung auch in ihr. Encanto kommt also auch deshalb so gut an, weil die Botschaft des Filmes etwas anspricht, das viele von uns im täglichen Leben belastet und unser Selbstbild prägt. Und das Happy-End von Encanto lässt uns nicht nur selber hoffen – es erweckt auch ein tiefes Glücksgefühl. Wir alle wünschen uns eine Versöhnen mit unserer inneren Abuela, und dass diese endlich einsieht, dass wir uns nicht erst beweisen müssten, um unsere Gaben zu verdienen.

Dies war meine Interpretation von Encanto. Natürlich habe ich hier nur einen Aspekt dieses Films angesprochen. Wie siehst du das? Waren meine Argumente schlüssig oder würdest du dem widersprechen? 😀

Übrigens: Wenn dich das Thema »Leistungsdruck« auch so berührt, wäre mein Krimi »Betäubter Wille« vielleicht etwas für dich. Auch in meinem neusten Roman, der im März erscheint, schneide ich dieses Thema erneut an.

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