Wie ich plotte

Wie ich plotte

Wie so gut wie jeder Schreiberling bin auch ich als Bauchschreiber eingestiegen – was bedeutet, dass ich einfach losgelegt habe, ohne mir zuvor einen detaillierten Plan meiner Geschichte zurechtzulegen. Ich wusste zwar grob, wohin die Geschichte führen sollte, das Meiste lag jedoch verborgen im Nebel.
Eine spannende Art zu schreiben, doch nicht für alle Genres geeignet. Dies musste auch ich feststellen, als ich um 2015 herum beschloss, meinen Kindheitstraum wahr zu machen und ein Buch zu veröffentlichen.
(P.S.: Nur so am Rande: Mein Debütroman erschien dann 2020 – daran kann man sehen, wie lang dieser Weg sein kann).
Mittlerweile habe ich das Bauchschreiben aufgegeben und bin eine passionierte Plotterin. Je mehr, und je genauer ich plotte, umso weniger muss ich später umschreiben – und umso komplexer kann ich die Geschichte gestalten.

Natürlich hat jede*r Autor*in eine ganz eigene Art zu plotten. Es gibt verschiedenste Plottingssysteme, verschiedenste Herangehensweise. Keine davon ist besser oder schlechter als die andere. Ist eine Typsache, für welche Methode sich entscheidet. Und vor allem ist da ja auch keine starre Geschichte – andauernd probiert man etwas Neues aus und fügte neue Feinheiten hinzu oder verwirft andere Elemente.

In diesem Beitrag möchte ich euch vorstellen, wie ich (derzeit) meine Romane plane. Beim Plotten unterscheide ich in vier Phasen.

1. Phase: Die grobe Skizze

Sobald ich ein Thema und eine erste Plot-Idee für meinen neuen Roman habe, setze ich mich an den Rechner und tippe einfach alles herunter, was mir so in den Sinn kommt. Ein Gedanke führt zum nächsten und auch wenn ich es jedes Mal wieder versuche – eine Struktur sucht man hier vergeblich.
Es geht einfach darum, die ersten Eindrücke festzuhalten. Meist haben die Figuren zu Beginn noch keinen Namen, sondern beschränken sich allein auf ihre Funktion. Hier habe ich dann beispielsweise »den Ermittler«, oder »die Mutter«, »die Kollegin«, »der Sohn«. (Wer meine Bücher kennt, ahnt vielleicht, von welchem ich gerade spreche 😉 )
Um die Fix- und Wendepunkte festzulegen, halte ich mich übrigens grob an das Beat Sheet von Blake Snyder. Es gibt ja sehr viele Plottingmethoden, doch diese hier sagt mir am meisten zu.
Kaum steht das erste, noch recht wackelige Gerüst, wende ich mich den Charakteren zu. Eine Geschichte wird von ihren Figuren vorangetrieben. Lässt man dies außer acht, kann es leicht passieren, dass die Protagonisten passiv oder gar oberflächlich wirken. Dass sie allein von äußeren Umständen vorangetrieben werden wie eine Schafherde vom Hütehund. Das darf keinesfalls passieren.

Ich orientiere mich gerne am Beat Sheet von Blake Snyder.

Um dies zu verhindern, ist es notwendig, die Personen genau zu charakterisieren. Hierbei verwende ich die von James N. Frey vorgeschlagene Methode, die darin besteht, zunächst die Biografie der Charaktere festzulegen. So weit, so normal. Das Besondere ist, dass anschließend ein Tagebucheintrag verfasst wird – und zwar aus Sicht des Charakters und ich der Ich-Form. Hierbei äußerst sich die Figur nicht nur zu ihrer Biografie, sondern auch zu den Geschehnissen der Geschichten. Sie bezieht Stellung und legt ihre Weltanschauung dar. Hier findet sich auch die Stimme des Charakters. Ein schludriger Cowboy würde einen solchen Tagebucheintrag ganz anders verfassen, als ein emeritierter Professor.
Sind der Charakterbogen und der Tagebucheintrag fertig, umfassen sie fünf bis sechs Seiten (manchmal auch mehr). In der Regel habe ich während des Findungsprozesses deutlich mehr geschrieben. Bis ich mit dem Charakterbogen von Irma aus »Betäubter Wille« zufrieden war, habe ich bestimmt um die dreißig Seiten verworfen.
Wenn diese Phase auf dich ein wenig konfus wirkt, dann stehst du nicht alleine da – denn sie ist ziemlich chaotisch! Wie ich schon geschrieben habe, treiben Figuren die Handlung voran. Gleichzeitig zwingt die Handlung aber auch die Figuren zum Reagieren. Die Konsequenz daraus ist, dass man während der ersten Phase zwischen der Charakterisierung und dem Plotentwurf hin und her springt, andauernd am Löschen und Umschreiben ist.
So ist es kein Wunder, dass mich nach Fertigstellung des Entwurfes der Eindruck überkommt, mich in einem verschiedenfarbigen Wollknäuel verheddert zu haben.
Jetzt muss erst einmal Ordnung geschaffen werden!

Kleine Bastelstund

2. Phase: Bastelstunde

Nun geht es weg von der Tastatur. Stattdessen nehme ich ein leeres Blatt Papier, bunte Kärtchen und einen Stift zur Hand. Nun wird das chaotische Wirrwarr entzerrt. Ich notiere mir, welche Handlungs- oder Ermittlungsstränge es gibt, dann werden die Szenen der jeweiligen Stränge auf Kärtchen übertragen. Wie man sich denken kann, gibt es für jeden Strang eine andere Farbe.

Wichtig ist, nicht zu viele Informationen auf eine Karte zu ballen. Diese Phase dient erst einmal noch der Orientierung und Übersicht. Ein »Arthur befragt Irma«, reicht für´s erste vollkommen aus.
Natürlich könnte man dies alles auch am Rechner machen. Bei Papyrus könnte man das Denkbrett benutzen und Scrivener hat sogar eine Funktion, in der man Karteikarten anlegen und diese auf einer virtuellen Pinnwand befestigen kann. Aber ich mag es, echte Karten in der Hand zu halten

3. Phase: Ab ans Whiteboard.

Jetzt werden die einzelnen Kärtchen chronologisch geordnet und so aufbewahrt, dass ich während der ganzen Schreibphase mit ihnen arbeiten kann. Ich habe ich auf die Rückseite der Wohnzimmertür ein Whiteboard befestigt. Hier kommen nun meine Kärtchen dran. Eines nach dem anderen. Ich schiebe sie hin und her, runzle die Stirn, füge noch ein Kärtchen hinzu, nehme alles wieder komplett ab und beginne von Neuem. Wenn sich irgendwann alle Kärtchen am Board befinden und eine sollvolle Geschichte ergeben, ist auch dieser Schritt erledigt.

Whiteboard mit den einzelnen Kapiteln. Jede Farbe stellt einen anderen Ermittlungsstrang dar.

4. Phase: Plot-Tabelle

Im letzten Schritt geht es darum, die Informationen über die einzelnen Szenen zu erweitern. Die knappe Inhaltsangabe »Arthur befragt Irma« reicht nämlich nicht aus, um damit ein Kapitel zu füllen.
Vor allem möchte ich hier festhalten, welchen Inhalt ich habe, aber auch, auf welche Informationen es in der Szene ankommt. Oft steckt die eigentliche Botschaft nämlich gar nicht in der Handlung, sondern wird zwischen den Zeilen vermittelt. Oder ich möchte ein wenig Fore-shadowing einfügen. Oder eine winzige Nebenhandlung, die aber in einem späteren Kapitel benötigt wird, um in Kombination mit einer anderen Information zu einem bestimmten Schluss zu kommen.
Hierfür nutze ich meine sogenannte Plottabelle. Diese besteht aus fünf Spalten und jedes Kapitel erhält seine eigene Zeile.

Plot-Tabelle von Betäubter Wille

Übrigens: Trotz derart intensiver Vorbereitung weiche ich beim Schreiben immer wieder von meiner Plottabelle ab. Die Änderungen trage ich dann in die ausgedruckte Tabelle ein. Und am Ende, wenn ich die erste Version niedergeschrieben habe, kann man vor lauter Pfeile und Kommentare kaum noch die Tabelle erkennen. Wenn ich dann anschließend beginne das Manuskript zu überarbeiten, folgen weitere Änderungen. Kapitel werden verschoben, Informationen hinzugefügt, gelöscht verändert. Die finale Version des Manuskripts (nach rund fünf Überarbeitungsdurchgängen) hat meist nur noch eine entfernte Ähnlichkeit mit der ersten Version. Aber hierzu später mehr, in anderen Blogbeiträgen 😉

23.01.2021