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Die Wirkung von Metaphern

Wer mir schon länger folgt, hat sicherlich schon von folgender Studie gehört – ich erzähle nämlich immer wieder davon. Aber die Ergebnisse sind auch so beeindruckend, dass man sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen sollte.

Durch gezielte Platzierungen von Metaphern können wir die Leser:innen beeinflussen – ohne, dass diese etwas wahrnehmen. In dem Buch »Das Alphabet des Denkens – wie Sprache unsere Gedanken und Gefühle prägt« von Stefanie Schramm und Claudia Wüstenhagen habe ich einen interessanten Absatz entdeckt:

»Das Verbrechen ist eine Bestie, die die Stadt Addison heimsucht. Vor fünf Jahren war Addison in gutem Zustand, ohne offensichtliche Schwachstellen. In den vergangenen fünf Jahren jedoch sind die Abwehrsysteme der Stadt schwächer geworden, und die Stadt ist dem Verbrechen erlegen. Heute gibt es mehr als 55 000 kriminelle Zwischenfälle im Jahr – ihre Zahl hat um mehr als 10 000 zugenommen. Es besteht die Befürchtung, dass noch ernstere Probleme entstehen, wenn die Stadt ihre Stärke nicht bald zurückgewinnt.«

In einer Studie haben die Psychologen Paul Thibodeau und Lera Boroditsky den Probanden diesen Text vorgelegt und sie gebeten, sich Maßnahmen zu überlegen, um die Kriminalität zu reduzieren. Ihr könnt die Studie nun gern einmal nachstellen, in dem ihr euch ebenfalls zurücklehnt und schaut, was euch einfällt.

In der Studie antwortete die Befragten in 71 Prozent der Fälle, man müsste die Verbrecher jagen, hinter Gitter bringen sowie härtere Strafen durchsetzen.

Klingt plausibel, oder?

Nun haben die beiden Psychologen den Text verändert. Genauer gesagt haben sie ein einziges Wort ausgetauscht. Nun wird die Stadt Addison nicht mehr von einer Bestie heimgesucht, sondern von einem Virus.  Und dieser Text wurde neuen Probanden vorgelegt, anschließend wurden sie ebenfalls gebeten, sich Maßnahmen zu überlegen.

Ob dieses einzelne Wort einen Effekt auf die Ergebnisse hatte?

Oh, ja! Denn nun wurde nur noch in 54 Prozent der Antworten strengere Verfolgung der Verbrechen und härtere Strafen vorgeschlagen. 
Der Rest – also 46 Prozent – bevorzugte eine andere Strategie. Sie schlugen vor, die Gründe für die Kriminalität zu untersuchen, die Armut zu bekämpfen und zudem die Bildung zu verbessern.

Wieso ist das so? Ganz einfach: Eine Bestie wird mit Waffengewalt bekämpft. Einen Virus behandelt man mit Medikamenten.

Die Veränderung eines einzigen Wortes führte zu einem derart großen Effekt. Und die Versuchsteilnehmer waren sich der Wirkung dieser Metapher nicht einmal bewusst.

Faszinierend, oder? Dieses Wissen können wir uns nun für unsere Geschichten zunutze machen. Durch ganz gezielte Platzierung von Metaphern können wir die Haltung unserer Leser beeinflussen, ohne dass sie es überhaupt mitbekommen.

Übrigens: Bei politischen Reden schadet es nicht, diese Studie im Hinterkopf zu haben. Denn das Beispiel zeigt auch, dass man mit der gezielten Platzierung von Wörtern nicht nur Bilder im Kopf von Lesern beeinflusst – sondern auch politische Haltungen …

Dieses eine kleine Wort …

Letztens habe ich mir Gedanken über das kleine Wörtchen »Verdienen« gemacht.

Beispielsatz:
Er hat mit seinen Börsenspekulationen viel Geld verdient.

Worte haben Macht, das kann man gar nicht oft genug wiederholen. Daher lohnt es sich manchmal, genauer auf einzelne Wörter zu schauen. Wie auf dieses kleine Wort: verdienen.

Duden.de gibt u.a. folgende Bedeutungen an:

1) als Entschädigung für geleistete Arbeit in Form von Lohn, Gehalt, Honorar o. Ä. erwerben

Beispiele:
– sich ein Taschengeld verdienen
– sein Geld, sich den Lebensunterhalt [durch, mit Nachhilfestunden] verdienen
– 〈in übertragener Bedeutung:〉 er verdient (bekommt als Lohn) 21 Euro in der Stunde/pro Stunde/die Stunde.

2) einer bestimmten Reaktion, Einschätzung o. Ä. wert, würdig sein; einer Sache aufgrund seines Verhaltens zu Recht teilhaftig werden.
Beispiele:
– jemand, etwas verdient Beachtung, Bewunderung, Lob, Anerkennung, Dank
– er verdient kein Vertrauen
– sie verdient [es], erwähnt zu werden

Ist es nicht seltsam, dass wir ein und dasselbe Wort nutzen, um zu beschreiben, wie viel Lohn jemand erhält und wie berechtigt der Anspruch einer Person auf Anerkennung, Lob oder Dank ist? Die erste Bedeutung bezieht sich auf den rein materiellen Wert und die zweite beschreibt, wie gut eine Person in menschlicher Hinsicht ist.

Vielleicht ist es kein Wunder, dass jemand, der viel Lohn erhält, auch als ein Mensch angesehen wird, der im Leben erfolgreicher ist als jemand, der kaum etwas für seine Arbeit erhält. Er verdient immerhin mehr.

Neutraler wäre:
Sie erhält für seine Arbeit viel Geld.

Wenn man dem Satz eine negative Bedeutung beimessen würde, könnte man auch folgendes Wort verwenden:
Er hat mit seinen Börsenspekulationen viel Geld abgegriffen.

Letztendlich kann man den letzten Satz als eine Art Umkehrung für verdienen ansehen. Verdienen belegen wir mit einer positiven Bedeutung. Abgegriffen weckt indes negative Assoziationen. Wir würden wir wohl den Wert eines Menschen bemessen, wenn wir statt des positiv besetzten Begriffes einen negativen verwenden würden?

Man kann gar nicht oft genug betonen, wie mächtig Worte sind.

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